Rückblick auf den Science Event "Wendepunkt Krise?"
(Wien, 9. November 2009) Wie beeinflusst die Wirtschaftskrise unseren Umgang mit Klimawandel, Energieknappheit und demografischer Entwicklung? Kann die Krise eine Chance sein? Diese Fragen standen im Mittelpunkt des Science Events "Wendepunkt Krise?" am 5. 11.2009 im RadioKulturhaus, der von 200 TeilnehmerInnen besucht wurde. Veranstalter war der Risiko:dialog von Umweltbundesamt und Radio Österreich 1.

Die Wirtschaftskrise habe bisher vor allem diffuse Ängste ausgelöst, meint die Philosophin Isolde Charim in der Keynote. Die Wirtschaftskrise habe den Rationalitätsglauben an den Markt radikal entzaubert. Und die Krise sei eine generelle Überzeugungskrise. "Nun sind wir alle auf der Suche nach einer neuen Instanz der Vernunft, einer neuen Instanz der Kontrolle, einer neuen Instanz der Autorität, was ist nicht unheikel ist. Angesichts dieser multiplen Krisen "treffen sich Konjunkturkrise und Klimawandel. Die Entkoppelung - von den eigenen, realen Lebensverhältnissen - und die daraus folgende Enthemmung sind ihre gemeinsame Wurzel." Charim sieht in der Suche nach geistiger Erneuerung eine Chance für eine Politik der Nachhaltigkeit. Die Warnungen vor Klimawandel, Ressourcenknappheit und ökologischer Krise dürfen aber nicht als Katastrophismus auftreten, sondern als neue Erzählung, die die Menschen ergreift hin zu einer Kultur der Verantwortlichkeit von der Wallstreet bis in den Alltag.

Mit diesem stimmte auch Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb überein, die als Auslöser der Krise den Zusammenprall des natürlich ökologischen Systems mit dem vom Menschen gemachten Wirtschafts- und Gesellschaftssystem bezeichnet. Klimaerwärmung sei nicht das einzige Problem, sondern vor allem der Stickstoffzyklus und der Biodiversitätsverlust neben Versauerung, Ozonabbau, Landnutzungsänderungen und einigen anderen Aspekten. Sie sieht die Gelegenheit, aus der Krise zu lernen nur dann, wenn von der Bevölkerung der Druck ausgehe, internationale Verhandlungen bringen nicht den Erfolg, den nationale Anstrengungen ausmachen können.
Weitgehend einig waren sich die Vortragenden und DiskutantInnen auch, dass diese Krise nicht die letzte gewesen sein wird. So sprach Michael Cerveny, Energieexperte der Österreichischen Gesellschaft für Umwelt und Technik, in der Podiumsdiskussion, von einer aufgeschobenen Energiekrise. Ökonom Stefan Schleicher vom Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung meinte, die gewohnten Wirtschaftswachstumsraten können in absehbarer Zeit nicht mehr erreicht werden, er zeigte sich aber optimistisch und hofft auf einen Klimawandel in der Wirtschaft, ortet aber auch Hilflosigkeit gegenüber einer Zukunft 2050 ? eine Vision dafür zu entwickeln sieht er als Herausforderung.

Besonders hart von der Krise betroffen seien Regionen, aus denen Menschen abwandern. "Dort potenzieren sich die Folgen, sagte Klemens Riegler, Geschäftsführer des Ökosozialen Forums Österreich. Er drängt auf eine ökosoziale Steuerreform, die Energie und Rohstoffe verteuert und Arbeit verbilligt.

Rainer Münz, Leiter der Abteilung Forschung & Entwicklung der Erste Bank in Wien und Senior Research Fellow am Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut sieht als zusätzliche Herausforderung für die Gesellschaft, dass Menschen immer älter werden. Niemand könnte gegenwärtig wissen, wie eine Gesellschaft funktioniert, in der mehr als die Hälfte der Menschen über 50 Jahre alt ist. Michael Losch, Sektionsleiter für Wirtschaftspolitik, Innovation und Technologie Im Bundesministerium für Wirtschaft, Familie und Jugend sieht die Herausforderung in der politischen Umsetzung darin, Konsensfähigkeit für die bestehenden Konzepte herzustellen.

Nach der Pause erläuterten ExpertInnen eine Reihe von Beispielen für einen vorbildlichen Umgang mit Wirtschafts, Klima- und Energiekrise. So sollen auf der dänischen Insel Bornholm in einem Pilotprojekt Elektroautos als Zwischenspeicher für Windenergie genutzt werden, in Tschechien setzte ein Dorf mit 250 Einwohnern erfolgreich auf nachhaltige Projekte und stoppte so den Bevölkerungsrückgang. Die Stadt Linz setzt auf Solarenergie, das Ökowohnbauprojekt Solarcity verzeichnet österreichweit den vergleichbar geringsten CO2-Ausstoß. Präsentiert wurde das ganzheitliche Life-Cycle-Management, das eine Lösung für das Problem unseres übermäßigen Ressourcenverbrauchs bietet kann.
Die PolitikerInnen seien mit den derzeitigen Herausforderungen überfordert, waren sich Vortragende einig und wünschen sich mehr Partizipation. Anhand des Beteiligungsprozesses "Vision Rheintal", einem Beteiligungsprozess von 29 Vorarlberger Gemeinden zur räumlichen Entwicklung und regionalen Kooperation wurde erläutert, wie die Politik über Partizipationsprojekte die Möglichkeit zu handeln habe. Diese Prozesse könnten jedoch nicht stringent vom Ausgangspunkt zum Ergebnis führen sollen, sondern müssen Paradoxie aushalten und auf Perplexität setzen.
Eine neue Balance zu finden zwischen globalen sozialen, ökologischen und ökonomischen Erfordernissen war Thema eines weiteren Vortrags. Kooperation und bürgerliches Engagement seien eine unterschätzte Zukunftsressource und zugleich Quelle für die notwendige Vitalisierung der Demokratie. Der Marktplatz "Gute Geschäfte" bietet Unternehmen und gemeinnützige Organisationen die Möglichkeit zusammen zu arbeiten und setzt auf Wirkungsorientierung abseits von monetärem Einsatz und alleiniger Nutzenoptimierung. Die eigenen Haltungen öffentlich machen, - dies sei der richtige Weg für eine neue Kultur der Verantwortlichkeit. In diesem Sinne meinte Gerd Placke von der Bertelsmann-Stiftung, dass klug reden schön sei, aber "gehen Sie nach Hause, und mit dem Philosophen Sloterdijk gesagt 'Du musst dein Leben ändern', - wir sind alle gefordert, uns zu ändern, und ich auch."

Der Risiko:dialog von Radio Österreich 1 und Umweltbundesamt widmet sich komplexen Fragestellungen, die isoliert betrachtet kaum bewältigt werden können. Er bietet interdisziplinäre Vernetzung jenseits der Grenzen von Wissenschaft und Politik und baut Brücken zwischen wissenschaftlicher Expertise, Verwaltung, Wirtschaft, NGOs und Zivilgesellschaft. Der Risiko:dialog ist eine wachsende Community, die zur Meinungsbildung in spannenden gesellschaftlichen Prozessen beiträgt. Das passiert im Netzwerk.
Getragen wird der Risiko:dialog von den Partnern BMVIT, BMWFJ, BMWF, Lebensministerium, FFG, BOKU, Verbund-Austrian Power Grid AG, Der Standard. Die Partner der Veranstaltung sind BOKU, BMVIT, Ökosoziales Forum, OMV Future Energy Fund und IBM Österreich.
Bilder vom Science Event 2009
Berichterstattung
Kurkorrektur durch Krise?
Isolde Charim, Philosophin und Publizistin
Vortrag
Helga Kromp-Kolb, BOKU Wien
Vortrag (folgt)
Podiumsdiskussion
Partizipation.Dialog. Gestaltung. Zukunft der Demokratie.
Reinhard Tötschinger, Organisationsentwickler
Präsentation
Vortrag als Audiodatei
Gerd Placke, Bertelsmann-Stiftung
Präsentation
Vortrag als Audiodatei
Stadt.Land.Mensch. Raumentwicklung für morgen.
Martin Treberspurg, BOKU Wien
Präsentation
Vortrag als Audiodatei
Veronica Gailly, Ökologieinstitut Veronica Hostetin
Präsentation
Vortrag als Audiodatei
Innovationen.Werte. Lösungen. Technologien für die Gesellschaft.
Christoph Herrmann, TU Braunschweig
Präsentation
Vortrag als Audiodatei
Dieter Gantenbein, IBM Forschungslabor Rüschlikon
Präsentation
Vortrag als Audiodatei